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Zwei Arten des Liberalismus
auf der Grundlage von "Centesimus annus'
(...)Der jüngsten Enzyklika von Johannes Paul II. ist selbst von seilen eingeschworener Liberaler überaus reichliches Lob zuteil geworden.(...)
24 października 2008

 

Zur Freiheit sie drängen! Gott halte sie nieder,

Denn Freiheit gleicht dem halbtauben Spieler,

Der, abhold den Musen, die Flöte will blasen,

Die Puste verliert, nur bringet die Nachbarn in Rage.

Juliusz Słowacki

Der jüngsten Enzyklika von Johannes Paul II. ist selbst von seilen eingeschworener Liberaler überaus reichliches Lob zuteil geworden. Man pries sie wegen ihrer exakten Kritik an Sozialismus und Wohlfahrtsstaat, wegen ihrer deutlichen Unterstützung für die Demokratie und das Privateigentum, ihrer Bejahung der freien Marktwirtschaft und ihres Lobliedes auf menschlichen Unternehmungsgeist. Auch wurde sie so gepriesen, weil der Papst großen Wert auf die menschliche Freiheit legt. Das größte Kopfzerbrechen allerdings bereitet den liberalen Kommentatoren das päpstliche Freiheitsverständnis; läßt sich die in "Centesimus annus" (nachfolgend CA) figurierende Freiheit doch auf gar keinen Fall von der Wahrheit trennen (CA 4,17, 39,41, 44,46), und diesem Kausalzusammenhang können die Klassiker des Liberalismus nicht nur nicht zustimmen, sondern er läßt sie — wie das Milton Friedman formuliert hat — "geradezu erschauern". Deshalb endet die Friedmansche Lobeshymne der Enzyklika nun mit dramatischen Fragezeichen: Um wessen 'Wahrheit' geht es dabei? Durch wen wurde sie festgelegt? Etwa ein Nachhall der spanischen Inquisition?[1]

Und auf diese Weise befinden wir uns auch schon mitten in der Auseinandersetzung zwischen liberalem und katholischem Denken. Für die Bekenner des liberalen Credos existiert die absolute Wahrheit nicht, und schon allein der Gedanke daran ist ihrer Auffassung nach gefährlich, muß unweigerlich zum Totalitarismus führen. Es genüge die Kirchengeschichte, um zu veranschaulichen, wie richtig diese These doch sei.

Nicht aus dem Grunde, weif der Angriff die beste Verteidigung ist und weil ich dem Leitspruch "Auge um Auge, Zahn um Zahn" (2. Buch Mose, 21,24) nachhängen würde, scheint es mir doch angebracht, die Fragestellung einmal genau umzukehren: Ist eine freie Gesellschaft überhaupt ohne die Idee der absoluten Wahrheit denkbar? Und - muß denn diese Idee unweigerlich zum Totalitarismus führen? Die bedingungslos positive Antwort, die uns darauf der Liberalismus liefert, dürfte ernsthafte Zweifel wecken.

Der Pluralismus als Religion des Liberalismus

Nur jemand, der kaum gesellschaftliches Vorstellungsvermögen besitzt oder von einer Ideologie verblendet ist, wird die positive Bedeutung des Pluralismus übersehen, andersartige Überzeugungen und Lebensweisen in unserer muttikulturellen und sich auf verschiedene Weise Gott nähernden oder sich von ihm entfernenden Welt mißachten. Schwer begreiflich ist es allerdings, warum in der liberalen Vision der Zivilisation dem Pluralismus geradezu der Rang eines Absoluten eingeräumt wird. Sehen wir uns einmal die, wie ich glaube, durchaus repräsentative Kurzfassung liberaler Auffassungen von Ewa Biehkowska an, die exakt die Thesen von Isaiah Berlin referiert: "Entsprechend der schönen Formulierung von Isaiah Berlin lehrt uns die liberale Kultur, daß geheiligte Prinzipien durchaus existieren können, auch wenn sie nicht beständig und absolut sind, daß es im gesellschaftlichen Leben Prinzipien gibt, für die es im Bewußtsein dessen, daß sie (wie l. Berlin es nennt) als Heiligkeit empfunden werden, zu streiten gilt, ohne dabei den Anspruch zu erheben, ihnen noch einen irgendwie im Absoluten verwurzelten Überbau aufsetzen zu wollen. Wir verteidigen sie, weil sie eine Frucht der Zivilisation und Kultur bilden, mit der wir uns identifizieren, die uns definiert und die die höchsten Werte verwirklicht."[2]

Selbst wenn es stimmt, daß ja alles nur eine Frage der Kultur sei, daß einige Leute ihr Land schützen, weil das "Vaterlandsideal" ihrer Zivilisation entsprungen ist, andere indessen mit dem Okkupanten gemeinsame Sache machen, weil sie für ein andersartiges Kuiturparadigma einstehen, daß die einen genausowenig Menschenfleisch wie die anderen kein Schweinefleisch verspeisen und wieder andere keine Weinbergschnecken anrühren, daß sich einige zum heiligen Krieg und andere zum heiligen Frieden bekennen, daß sich die einen für die Rettung von Kranken aufopfern und andere für den Lebensanspruch der Bakterien im Organismus von Kranken auf die Barrikade gehen[3], um so schwerer ist es zu begreifen, weshalb die einzige überkulturelle

Auffassung die These vom allumfassenden Pluralismus darstellen soll, aus welchem Grunde ausgerechnet diese These einen anderen metaphysischen Status besitzt und als einzige das Grundprinzip der Realität, das Absolute erreicht. Hierbei handelt es sich bereits um ein offenbartes, überempirisches Wissen, und eben in diesem Sinne läßt sich vom Pluralismus als von einer Religion sprechen. Denn wenn wir davon überzeugt sind, daß uns der Pluralismus einen universellen Schlüssel zum Verständnis der menschlichen Wirklichkeit in die Hand gibt, so haben wir es hierbei mit einem Glaubensakt zu tun, der sich als solcher strikt rationellen Kriterien entzieht.

Die "Religion des Pluralismus" äußert sich wie jede echte Religion nur zurückhaltend zum Absoluten. Beträchtlich mehr verkündet sie uns vom Menschen. Lassen wir uns demnach einmal die anthropologischen Grundprämissen des "Pluralismus" durch den Kopf gehen. In erster Linie geht er davon aus, daß alle Menschen gleich seien. Zweitens, daß alle -in gewissem Sinne — gut seien (denn obwohl es das Gute nicht gibt, so ist doch die Tatsache, daß es das Böse nicht gibt, weitaus wichtiger). Drittens, daß zur menschlichen Kondition die Einsamkeit gehöre (denn jegliche Konfigurationsform zwischen den Menschen ist ausschließlich eine Auswirkung der Kultur), Viertens schließlich sei, da ja die Menschen und Kulturen untereinander gleich seien, auch das Recht auf Freiheit in der Menschlichkeit verankert. Diese Freiheit wird "negativ" als ein Minimum der Einmischung von selten all jener verstanden, die irgendwie mein Handeln einschränken oder erschweren könnten[4].

Genauso mühelos, wie man sich als Sonntagskatholik gebärden kann, kann man sich auch als Sonntagspluralist gerieren. Leben und leben lassen, so dürfte hierbei die Devise lauten. Höchst schwiehg wird es schon, konsequent als Pluralist zu leben, handelt es sich hierbei doch um den Glauben eines bitteren, seine Grenzen kennenden eigenen Bewußtseins, das seinen Bekennern mitunter einen geradezu heroischen Pessimismus in ihrem Streben nach Verwirklichung der "heiligen, wenngleich nicht beständigen und nicht absoluten Prinzipien" abverlangt.

Läßt sich jedoch eine auf der "Religion des Pluralismus" basierende Gesellschaft errichten? Oder anders gesagt, hat der Pluralismus eine Chance, zur Staatsreligion zu werden? Das scheint eher unsicher zu sein. Obwohl die beiden letzten Jahrhunderte ganz gewiß einen Zeitraum großer missionarischer Erfolge des neuen Glaubens dargestellt laben, versteigt sich der Liberalismus — und das resultiert ja bereits aus seinen Prämissen — doch keineswegs dazu, eigene Kirchen zu gründen. Als er im 18. und 19. Jahrhundert entstand, um die vernunftaegabten Individuen vor den ihnen durch Familie, soziales Umfeld,Kirche oder Staat angelegten Fesseln zu schützen, verinnerlichte der Liberalismus die präphilosophische Grundannahme, die zwischenmenschlichen Bindungen zu lockern. "Das war nicht allzu realistisch", schrieb der hervorragende englische Historiker Owen Chadwick, "doch zumindest war es ein Ausdruck von Glaube und nicht von Erfahrung. Der liberale Geist war individualistisch. Er starrte sein einsames Bewußtsein an und dessen Existenzberechtigung wurde respektiert. Die Menschen aber dürfen sich nicht vollständig als Individualisten verstehen, soll die Gesellschaft fortbestehen."[5] Ob allerdings die Auswüchse zwischenmenschlicher Bindungen oder aber jegliche sozialen Bindungen zerstört werden, das ist schon ein ganz grundlegender Unterschied, wenngleich die Grenzen hierbei subjektiv und fließend sein mögen. Aus der Rückschau auf die letzten Jahrhunderte ließe sich wohl folgern, daß der Individualismus des Liberalismus nur als Einbahnstraße effektiv wirkt. Er ist gut genug, um Mißbräuche auszuschalten, jedoch besitzt er nicht die Kraft dazu, soziale Bande aufzubauen.

Dieser Individualismus, gepaart mit der Überzeugung, daß absolute Werte (mit der einen Ausnahme, der Freiheit) nicht existieren, führt dazu, daß die Liberalen die soziale Tragweite der Bildung einer geistigseelischen Gemeinschaft unterschätzen. Sie "sind nicht intelligent genug, um das Problem zu begreifen, den geistigen Fragen einen institutionellen Rahmen zu setzen", schreibt kritisch Eric Voegelin[6]. Die liberalen Institutionen - und das sei mit vollstem Respekt zugegeben - sind überaus wertvoll, weil sie Probleme vernünftig lösen wollen, zugleich aber sind sie, um hier einmal die Begriffe von Ralf Dahrendorf[7] zu verwenden, "kalt", vermitteln kein Gefühl von sozialer Verwurzelung und helfen dem einzelnen auch nicht, zu einer geistigen Identität zu gelangen. Die "warmen" Einrichtungen, die es dem Menschen möglich machen, sich häuslich einzurichten und in mannigfaltigen Gemeinschaften Fuß zu fassen, mißachtet der Liberalismus nicht nur, sondern fürchtet sich oftmals auch vor ihnen.

Bereits diese beiden Elemente, der Individualismus und die Mißachtung der "warmen" Institutionen wie Familie, Nation, Kirche, führen dazu, daß wir bezweifeln dürfen, ob unsere Frage nach der Existenzmöglichkeit einer wirklich liberalen Gesellschaft positiv ausfällt. Es existiert allerdings — mögen mir die Liberalen dieses Paradoxon verzeihen, — zumindest noch ein schwacher Punkt im Liberalismus, nämlich ausgerechnet sein Freiheitskonzept. Die "negative" liberale Freiheit, die dem Individuum einen größtmöglichen Handlungsspielräum gewährleistet, dabei zugleich die absolute Wahrheit verneint, wird doch zu einer Freiheit, die sämtliche Fesseln abstreift, zu einer Freiheit der Willkür in den Entscheidungen, deren Tragweite nur das Individuum selbst ihnen verleiht. Es handelt sich demnach — um hier einen Vergleich anzustellen — um eine Freiheit, beim Roulette auf jede beliebige Nummer zu setzen, wobei ich selbst darüber entscheide, ob nun Rot oder Schwarz gewinnt. Wenn die Existenz einer absoluten Wahrheit negiert wird, so resultiert daraus nicht allein die Tatsache, daß diese absolute Freiheit irgendwie inhaltsleer und trist ausfällt. Darüber hinaus steckt in ihr eine Gefahr. "Wenn keine absolute Wahrheit existiert, könnte alles, was ich sage, Wahrheit sein... Die Idee von der absoluten Wahrheit widerspricht dem Relativismus, der die Existenz einer Wahrheit verneint. Der Relativist, der sich bewußt ist, daß es keinerlei Wahrheit gibt, will nicht, daß über sie gesprochen wird. Dabei ist er sich nicht darüber im klaren, daß eine derartige Haltung doch dazu führt, für sich selbst gewissermaßen eine Autoritätsform zu usurpieren, daß damit das Faustrecht heraufbeschworen wird, wir aber nicht zum Wahrheitsrecht gelangen." Ich habe hier durchaus keinen kirchlichen Würdenträger oder irgendeinen konservativen Gegner der Liberalen zitiert. Dies sind Worte des Verfassers der "Offenen Gesellschaft", Karl Popper[8], der davor warnt, daß es von einer nicht auf die Wahrheit ausgerichteten Freiheit gar nicht mehr so weit bis zum Autoritarismus sei. Die drei Merkmale der liberalen Vision der Gesellschaft, der Individualismus, die Unterbewertung der Sphäre des Geistigen und die negativ verstandene Freiheit, scheinen den Schluß nahezulegen, daß eine vollends liberale Gesellschaft nicht existieren kann, daß bereits in ihrem Fundament der Verfall der sozialen Bindungen und die Erosion der gesellschaftlichen Kommunikation eingebaut ist.

Religion und Ideologie

Die Stärken u nd die Schwächen des Liberalismus sind in der Geschichte verwurzelt. Denn er stellte eine rationale Reaktion auf die vorgefundene Realität des 18. Jahrhunderts und die damals entworfene Zukunftsvision dar. Nach den Jahrhunderten der Religionskriege und unter dem Einfluß der von der Aufklärung fabrizierten aggressiven antiklerikalen Lesart der Geschichte wurde die katholische Kirche zu seinem Hauptgegner, ja sogar — hauptsächlich auf dem europäischen Kontinent — die Religion schlechthin. Die nächsten Gegner bildeten der Staat, der sich seit der Renaissance immer absolutistischere Machtansprüche anmaß und meistens eine Allianz von Thron und Altar anstrebte, sowie die sehr stark in das Leben des einzelnen eingreifende Familie, als auch gesellschaftliche Normen, Konventionen oder Traditionen, die zum großen Teil durch die Religion inspiriert wurden. Es dürfte nur allzu begreiflich sein, daß es nach so vielen Jahrhunderten, über die sich die christliche Zivilisation herausgebildet hatte, unweigerlich zu einer starken Durchdringung von Politik, Ökonomie und Kultur durch religiöse Institutionen und Gewohnheiten kommen mußte. Demnach läßt sich auch verstehen, daß der Liberalismus mit seinem Ideal der Menschenbefreiung sich als häufigste Zielscheibe die Religion, stets die Kirche und ganz besonders das Papsttum aussuchte. Das führte im 19. Jh. unweigerlich zu einer erbitterten Auseinandersetzung zwischen dem liberalen Staat und der katholischen Kirche, bei der die eine Seite bestrebt war, das gesellschaftliche Leben von der darin umfassend gegenwärtigen und zutiefst in ihm verwurzelten Religion zu befreien, die andere indessen, sich angegriffen fühlend, en bloc den Liberalismus bekämpfte. Folglich war eine Haltung unvermeidlich, wie sie im berühmten 80. Satz der "Syllabus errorum" formuliert wurde, es sei unmöglich, daß sich "der römische Priester (der Papst; M.Z.) mit dem Fortschritt, dem Liberalismus und dem modernen Staat abfinden und verständigen könne und dürfe". Diese Reaktion allerdings war recht begreiflich angesichts der aggressiven Feindseligkeit und Verfolgung, denen die Kirche durch den Staat ausgesetzt war, in dem die Liberalen mit folgendem Programm in den Wahlkampf zogen: "Durch ein Ordensverbot, durch die Beschlagnahme der Kirchengüter von Toter Hand und die Aufhebung der Entlohnung des Klerus aus öffentlichen Geldern wollen wir die liberale Grundformel verwirklichen — freie Kirchen in einem freien und souveränen Staat."[9]

Wenn wir die geschichtlichen Verwicklungen betrachten, so stellt man fest, daß der Konflikt zwischen dem liberalen Staat und der katholischen Kirche unvermeidlich war. Freilich kann man sich auch bemühen, die These zu verteidigen, daß der historisch vorbelastete Liberalismus, indem er sich den autoritären Auswüchsen der vorgefundenen sozialen Realität entgegenstellte, den Gegner nicht richtig lokalisiert hatte, bildete den doch — schon von ihrer Natur her — nicht die Religion. (In den USA, wo die Last der Traditionen und Institutionen unvergleichlich geringer war, nahm der Liberalismus im Grunde genommen keinen antireligösen Wesenszug an.) Vielmehr bildete ihn die Ideologie, ein Gesamtentwurf zur Erklärung der sozialen Wirklichkeit, der ein einfaches Konzept der Wahrheit und des Guten enthielt. Der Liberalismus, der nach einem Zeitalter politischer und religiöser Verfolgungen entstand und sich in Opposition zur Idee der absoluten Wahrheit herausbildete, befand, daß schon allein in dieser Idee an sich eine totalitäre Versuchung stecke. Dabei wird aber doch die Freiheit nicht vom Konzept der absoluten Wahrheit, sondern von der Einstellung zur Wahrheit bedroht[10]. Selbstverständlich existiert kein einziger religiöser Glaube ohne den Bezug zum Absoluten. Das soll jedoch nicht heißen, daß sich der Homo religiosus automatisch so versteht, als habe er die offenbarte Wahrheit bereits in seinem Besitz und könne über sie verfügen. Wenn das manchmal der Fall gewesen ist und mitunter auch heute noch vorkommt, so wird der Glaube dabei zur Ideologie reduziert. Zweifellos hat sich das Christentum in seiner Geschichte leider, oftmals in gutem Glauben, dazu hinreißen lassen, zur Ideologie zu entarten. Damit wird jedoch die göttliche Wahrheit mißbraucht. Hierzu sei jedoch von vornherein bemerkt, daß zum Kernpunkt der christlichen Heilsbotschaft eben ihr antiideologischer Charakter gehört (vgl. CA 46). Denn die Kirche besitzt weder die absolute Wahrheit, noch hat sie sie erschöpfend erkannt. Eine Ideologie hingegen erhebt ja den Anspruch, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein. In diesem Sinne dürfen wir sowohl von christlichen, jüdischen oder islamischen wie auch von wissenschaftsgläubigen, kommunistischen, freudschen und ebenso liberalen Ideologien sprechen (wenngleich angemerkt werden muß, daß der Liberalismus sogar als Ideologie antitotalitäre Mechanismen in sich trägt). Die Gefahr des Totalitarismus steckt also darin, den Anspruch auf den Besitz der Wahrheit zu erheben, und nicht schon allein in der Anerkennung der absoluten Wahrheit. An dieser Stelle möchte ich daher gegen die Auffassungen von Isaiah Berlin polemisieren, der zwar zu Recht bemerkt, daß die "positive" Freiheit auf der Entdeckung einer Antwort auf die Frage nach dem letztendlichen Ursprung der Ingerenz von außen beruhe: "Was oder wer bildet den Ursprung für eine Macht oder Ingerenz, die darüber entscheiden darf, daß jemand dies oder jenes tun kann, so und nicht anders sein soll?"[11] Ein solches Freiheitskonzept ist nichts anderes als das Konzept Engels' über die "Einsicht in die Notwendigkeit", denn hier schreiben die Bekenner des von ihnen entdeckten absoluten Prinzips vor, was Freiheit ist und wie man zu ihr auf geradem Wege wie am Schnürchen, im braven Gleichschritt und ohne die geringsten intellektuellen Zweifel gelangen kann. Jedoch irrt Isaiah Berlin wohl, wenn er behauptet, daß allein schon von der bloßen Bejahung der Existenz eines letzten, höchsten Prinzips ein schnurgerader Weg zum Despotismus führe[12]. Der Totalitarismus entspringt erst aus der Überzeugung, diese Wahrheit zu besitzen und sie dermaßen genau durchschaut zu haben, daß es möglich sei, "die überaus mannigfaltige gesellschaftspolitische Realität in ein steifes Interpretationsschema zu pressen". (CA 46)

Selbstverständlich steckt bereits im eigentlichen Akt der Erkenntnis der absoluten Wahrheit eine totalitäre Versuchung, aber nicht einmal das "negative" Freiheitskonzept bewahrt uns automatisch vor Autokratismus[13] eine so als oberstes gesellschaftliches Lebenskonzept verstandene Freiheit, bei der sich die zwischenmenschlichen Bindungen immer stärker lockern, kann sogar geradezu aus sich selbst heraus zu totalitären Lösungen führen.

 

Der Liberalismus von Johannes Paul II.

Der europäische Liberalismus entstand in Opposition zur Religion. Die katholische Kirche wiederum sah in den letzten Jahrhunderten im Liberalismus einzig und allein den Gegner. Der geschichtlich unausbleibliche Konflikt, ausgetragen im Eifer gegenseitiger Anschuldigungen und Verdächtigungen, hat es jahrelang nicht zugelassen zu erkennen, daß beide Seiten ihren Gegner nicht allzu genau identifiziert hatten. Der Liberalismus wird ja nicht vom Glauben an die absolute Wahrheit bedroht, sondern von der Ideologie. Die Kirche ihrerseits hatte übersehen, daß sie nicht von der vom Liberalismus verkündeten "Freiheit" an sich, sondern von einer ganz bestimmten Freiheitskonzeption gefährdet wird. Existieren doch zwei Liberalismen, die sich auf ein grundlegend verschiedenes Freiheitsverständnis gründen. Der erste Liberalismus, jener individualistische, der die Idee der absoluten Wahrheit negiert, stützt sich auf eine "negativ" verstandene Freiheit. Mehr Freiheit bedeutet hier weniger Einschränkungen; nur ich selbst als freies Subjekt verleihe meinen Handlungen einen Sinn.

Der zweite, überwiegend der angelsächsischen, speziell der amerikanischen Tradition verpflichtete Liberalismus löst den Freiheitsbegriff nicht von der Existenz der absoluten Wahrheit. Auf diese Weise läßt sich die Freiheit auf die Wahrheit ausrichten. Diese strebt nicht danach, die einzig richtige und endgültige Lösung zu finden, wie sie für die Totalitarismen kennzeichnend ist, sondern bildet vielmehr — und hier möchte ich wieder bildhaft sprechen — einen Kompaß, auf demsich, obwohl die Nadel ja niemals völlig still steht, dennoch die Richtung ausmachen läßt. Wird die Existenz des Absoluten anerkannt, so läßt sich eine geistig-kulturelle Gemeinschaft bilden. Ein derartiger Liberalismus besitzt demnach eine Dimension des Zusammenhalts, unterstützt das Bestehen von "warmen" Einrichtungen und erkennt den Stellenwert der geistig-seelischen Bedürfnisse des Menschen an. Ein solches Liberalismusverständnis steht nicht nur nicht im Widerspruch zur Soziallehre der Kirche, sondern stimmt zutiefst mit dem katholischen Menschenbild und der Vision von der Gemeinschaft überein. Für ein solches Konzept stritt im vorigen Jahrhundert Lord Acton[14], dessen Konzept von der"ordered liberty" bis auf den heutigen Tag viele amerikanische katholische Theologen und Philosophen inspiriert, zum Beispiel M. Novak, R.N. Neuhaus, G. Weigel oder R. Sirico. Wenn der Katholizismus mit dem individualistischen Liberalismus in Theorie und Praxis unaussöhnlich haderte und das auch jetzt und künftig tut, so dürfte der zweitgenannte Liberalismus, der der absoluten Wahrheit aufgeschlossen gegenübersteht und den Gemeinschaftssinn fördert, zu einer ausgesprochen schöpferischen Anregung für die katholische Gesellschaftslehre werden. Das schien vor ein paarJahrzehnten noch vollkommen ausgeschlossen. Damals erblickte der amerikanische gemeinschaftsorientierte Liberalismus im Katholizismus und im Papst persönlich die Hauptfeinde der Freiheit. Die Kirche indessen, die es nicht so recht verstand, im gesellschaftlichen Bereich Glauben und Ideologie, das Recht auf Irrtum und seine Bejahung auseinanderzuhalten, schaute mißtrauisch auf die liberalen Lösungen in Wirtschaft, Politik und Kultur. Inzwischen ist zwischen dem gemeinschaftsorientierten Liberalismus, der die Destruktion der vom Individualismus verursachten sozialen Bindungen und den damit zusammenhängenden Relativismus erkannt hat, und dem liberalistischen Individualismus ein heftiger Konflikt ausgebrochen. Die erwähnten amerikanischen Denker gebrauchen geradezu den Begriff "Kulturkampf, um die Auseinandersetzung zwischen den beiden Spielarten des Liberalismus zu schildern. Die Kirche hingegen, deren Wissen von sich selbst vom letzten Konzil außerordentlich vertieft wurde, darf nun nach den in der "Erklärung über die Religionsfreiheit" enthaltenen Reflexionen, wonach das Recht auf Freiheit in der menschlichen Natur selbst verankert sei[15]; und nach der Pastoralkonstitution über die Kirche, in der klipp und klar festgestellt wird, daß der Mensch sich nur in freier Weise dem Guten zuwenden könne [16], ihre Stellung in einem Staat mit freier Marktwirtschaft und demokratischer politischer Ordnung weitaus kreativer definieren. Ein solches, ganz neue Wege beschreitendes Kirchendokument stellt "Centesimus annus" dar. Darin stellt der Papst der freien Marktwirtschaft nicht nur für ihre Effektivität(CA34), sondern vor allem deshalb ein Lob aus, weil sie auf der Freiheit der Person basiert (CA 32) und ebenso, weil sie die menschliche Schöpferkraft und Fähigkeit zur Zusammenarbeit fördert (CA 32, 35). "Centesimus annus" liefert auch eine positive Erklärung zur Demokratie (CA 44-47), räumt ihr zu Recht als demokratische Ordnung Autonomie ein und betont dabei, daß dieses System die umfassendste und vollständigste Mitbestimmung und Entscheidungsmöglichkeit sichere. Die letzte Enzyklika von Johannes Paul 11. enthält auch eine scharfe Totalitarismuskritik (CA 22-25, 44, 45), kritische Bemerkungen zur Ideologie (CA 16, 42, 46) und zum religiösen Fundamentalismus. Zu guter Letzt hebt sie hervor, daß sich die Lehre Jesu Christi nicht auf eine Ideologie reduzieren lasse (CA 25, 46). Wo der Papst auf den Menschen zu sprechen kommt, unterstreicht er, daß dieser für die Freiheit geschaffen worden sei (CA 25, vgl. auch CA 13 und 39), und bis hierher dürfte auch jeder Liberale eine Menge an Gemeinsamkeiten zur gesellschaftlichen Betrachtungsweise von Johannes Paul II. entdecken. Problematischer wird es dann, wenn wir uns — wie ich eingangs schon erwähnte -gründlicher in den päpstlichen Freiheitsbegriff vertiefen. Und wenngleich auch Johannes Paul II. deutlich betont, daß "in einer Welt ohne Wahrheit die Freiheit ihren Inhalt einbüßt" (CA 46), so enthält doch seine Sicht von Wirtschaft und Politik starke antiautoritäre Elemente. Demnach handelt es sich hierbei nicht um die Berlinsche "positive" Freiheit. Zugleich dreht der Papst die Kritik um und hebt hervor, daß der Atheismus als Gesellschaftsphilosophie (CA 13), aber auch der Agnostizismus und der skeptische Relativismus (CA 46) leicht zum Totalitarismus führen können. In "Centesimus annus" läßt sich die Freiheit nicht von den Begriffen der Wahrheit und Verantwortung trennen, denn sie ist ja nicht nur ein Geschenk und ein Recht des Menschen, sondern ebenso auch eine Aufgabe. Das gesellschaftliche und politische Leben entzieht sich nun einmal nicht der moralischen Beurteilung, und der Mensch als Individuum gehört zur Gemeinschaft. All diese Auffassungen teilen die Anhänger des gemeinschaftsorientierten Liberalismus. Demnach darf wohl behauptet werden — auch wenn das für konservative Klerikerohren wie ein Mißton klingen mag -, daß Johannes Paul II. zum 100. Jahrestag von "Rerum novarum" unserer heutigen Welt die katholische Version des Liberalismus vorgelegt hat.



[1] So M. Friedman in: The National Review, 24.6.1991.

[2] Tygodnik Powszechny, 18.10.1992; vgl. Isaiah Berlin, Dwie koncepcje wolnosci i inne eseje (Zwei Freiheitskonzepte und andere Essays), Warschau 1991, S. 190 ff.

[3] Vor ein paar Jahren ist auf einer Konferenz in Australien der Lebensanspruch von krankheitser-

regenden Bakterien erörtert worden (vgl. A. Walicki, in; Przeglad Katolicki, 13.09.1987).

[4] Isaiah Berlin, op. cit, S. 114 ff.

 

[5] 0. Chadwick, The Secularization of the European Mind in the 19th Century, London 1977, S. 30.

[6] E. Voegelin, From Enlightenment to Revolution, Durham 1975, S. 143.

[7] Hier zit. nach: Tygodnik Powszechny, 6.09.1992.

[8] Hier zit. nach: Forum, 20.05.1982; vgl. auch z.B. E. Voegelin op. cit., S. 143 f., 268, oder M. Kröl, Dylematy liberalizmu (Dilemmata des Liberalismus), in: Aneks, Nr. 34, S. 13.

[9] E. Faquet, Le Liböralisme, Paris 1902, S. 121.

[10] Vgl. M. Zieba OP, Spör o posiadanie prawdy (Der Streit um den Besitz der Wahrheit), in: Tygodnik Powszechny, 24.05.1992, sowie Wiara czyli nie-ideologia (Glaube oder Nicht-Ideologie), in: Tygodnik Powszechny, 27.09.1992.

[11] I.Berlin,op.cit.,S.114.

[12] I.Berlin.op.cit-.S.186.

[13] l.Berlin,op.ciL,S.126.

[14] Vgl. J.E.D. Acton, Essays in Religion, Politics and Morality, Indianapolis 1988, speziell das Kapitel "Liberty", S. 489-502.

[15] Dignitatis Humanae, Nr. 2.

[16] Gaudium et Spes, Nr. 17.

 

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